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Biographie


Photo Gretl Oser

Eugen Egger publizierte 1948 eine ausführliche Biographie über Girard:

  • Egger, E. (1948). P. Gregor Girard. Ein Schweizerischer Volksschulpädagoge 1765-1850. Luzern: Rex Verlag [Volltext ansehen]

Für einen ersten Überblick sei im Folgenden Eggers Beitrag aus dem Historischen Lexikon der Schweiz zitiert (die Bilder wurden zusätzlich eingefügt).

* 17.12.1765 Freiburg, † 6.3.1850 Freiburg, kath., von Freiburg. Sohn des Jean-François, Kaufmann, und der Marie-Françoise de Landerset. Bruder von Jean-François (-> 7) und Jean-Louis (-> 8). Von seiner Mutter, die ihm den ersten Unterricht zu Hause erteilte und unter deren Aufsicht er die jüngeren Geschwister belehrte, lernte er religiöse Toleranz und straflose Erziehung. Im ehemaligen Jesuitenkollegium besuchte er die Lateinschule, war aber vom mechanischen Unterrichtsbetrieb enttäuscht. 1781 trat Girard in Freiburg in den Franziskanerorden ein. Das Noviziat absolvierte er 1782 in Luzern, die philosophischen und theologischen Studien 1783-88 in Würzburg, wo er beeindruckt war vom sozialen Wirken des Fürstbischofs Ludwig von Erthal. Den Ausgleich zwischen aufklärerischer Philosophie und dogmatischer Theologie fand er in der Lektüre der Heiligen Schrift. Nach der 1788 in Freiburg empfangenen Priesterweihe wirkte Girard bis 1789 in Überlingen, ab 1790 wieder in Freiburg als Philosophielehrer und Prediger. Da er auf den Aufruf des helvetischen Unterrichtsministers Philipp Albert Stapfer hin 1798 ein Projet d'éducation publique eingereicht hatte, wurde er von diesem als Archivar nach Luzern berufen. Von dort kam er als Regierungspfarrer bis 1803 nach Bern, wo er den ersten katholischen Gottesdienst seit der Reformation zelebrierte. Seine ökumenische Einstellung und die von ihm schlicht und teils in deutscher Sprache gestaltete Liturgie trugen wesentlich dazu bei, dass die Katholiken sich auch nach der Helvetik in Bern behaupten konnten.

 

Copyright unbekanntNach Freiburg zurückgekehrt, leitete Girard 1805-23 die Knabenschule, die er zu einer vorbildlichen öffentlichen Primarschule entwickelte. In den Mittelpunkt stellte er einen lebendigen Sprachunterricht, der zugleich religiöse, aber auch moralische Werte vermittelte. Hiefür schuf er eine Grammaire des campagnes à l'usage des écoles rurales du canton de Fribourg (1821). Nach der Rückkehr der Jesuiten kam es zu Spannungen mit der kirchlichen Obrigkeit, die im Gegensatz zu Girards Staatsschule wieder die kirchliche Gewalt über die Schule verkündet hatte. Man griff Girard wegen seiner Methode des wechselseitigen Unterrichts (mutuelles Lernen: Lancastermethode) an; auch konnten sich die Jesuitenanhänger mit seiner Idee einer auf die Bedürfnisse von Gewerbe (Geometrie) und Handel (Englischunterricht) ausgerichteten Sekundarschule nicht abfinden. Die Landpfarrer hielten sich an den Kanisi (Katechismus des Petrus Canisius) und verstanden den Wert von Girards Lehrmittel nicht. Um dem Streit zu entfliehen, zog Girard nach Luzern, wo er 1823-34 als Philosophielehrer, als Mitglied des Erziehungsrates und im Rahmen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft als Förderer der Mädchen- und der Lehrerausbildung wirkte. Nach seiner Rückkehr nach Freiburg (1835) verfasste er sein pädagogisches Hauptwerk De l'enseignement regulier de la langue maternelle [...] (1844), das in Paris von der Académie de Montyon preisgekrönt wurde. 1850 starb Girard,  schmerzlich betroffen von der Säkularisation seines Klosters durch die radikale Regierung.

Bild von Père Girard
Porträt von Pater Gregor Girard, 1850, Jean-Baptiste Bonjour, Öl auf Leinwand. Copyright Museum für Kunst und Geschichte Freiburg

 

Girard war ein Hauptgestalter der Volksschule in der Schweiz, von den Pestalozzianern verkannt, weil er 1810 in seinem Rapport sur l'Institut Pestalozzi à Yverdon zwar die moralische und methodische Bedeutung dieses Unternehmens anerkannte, es zugleich aber als nicht in die Wirklichkeit einer öffentlichen Volksschule übertragbar beurteilte. Im Unterschied zu Pestalozzi ging Girard der Sinn für die Schulverwaltung und die staatlichen Belange nicht ab. Dies macht seine Bedeutung als Schulreformer aus. Aus katholischer Sicht verzieh man Girard indessen sein Bekenntnis zur Staatsschule nicht, und in reformierten Kreisen ging er rasch vergessen. Eine 1990 in Freiburg ins Leben gerufene Stiftung (Fondation du père Grégoire Girard) will die Girard-Forschung neu beleben.

(Text redigiert von F. Oser)

 

 

Literatur

  • Egger, E. (1948). Pater Gregor Girard. Luzern: Rex-Verlag.
  • HS, V/1, 91, 187-189 (mit Werk- und Literaturverzeichnis).
  • Weisskopf, T. (1985).  Pater Gregor Girard aus protestantischer Sicht. In:  Bildungspolitik im schweizerischen Föderalismus, S. 175-186
  • F. Oser, R. Reichenbach, Hg. (2002):   Père Grégoire Girard, 1765-1850. Sein Werk, sein pädagogisches Denken, seine Bedeutung. Freiburg (Schweiz): Unidersitätsverlag.

Archive

In der Stadt Freiburg (CH) können Schriften von und über Girard an den folgenden fünf Standorten ausgeliehen werden (teilweise auf Anfrage).

Autor: Eugène Egger / FP

  • E. Egger, Grégor Girard, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.03.2010, URL: http://hls-dhs-dss.ch/textes/d/D9024.php
    (Abdruckgenehmigung Historisches Lexikon der Schweiz: 18.03.2009)

 

 

 

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